stadt_potenziale

Letzte Talfahrt/Last Descent – Ein Fundbüro der Erinnerungen

ein Projekt des Vereins ZEITGEIST Gruppe
stadt_potenziale 2013, Fördersumme: € 15.000,–
Durchführung: 2012/2013
Ein Fundbüro der Erinnerungen. Foto: Roland Grand
Ein Fundbüro der Erinnerungen. Fotos: Roland Grand
Projektbeschreibung

Ein Fundbüro der Erinnerungen ist als „Site Specific Performance“* geplant, als theatraler Rundgang durch das leerstehende Gebäude der früheren Hungerburgbahntalstation, von der aus die Stadt Innsbruck durch die alte Drahtseilbahn ein knappes Jahrhundert lang mit dem Berg und den oben auf der Hungerburg lebenden Menschen verbunden war.

Das für das Frühjahr 2013 geplante Projekt der ZEITGEIST Gruppe wird speziell für die stillgelegte Hungerburgbahntalstation konzipiert und legt den Fokus auf die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung der umliegenden Stadtteile Mühlau, Saggen und der Hungerburg. Der Stoff für diesen Theaterabend sind persönliche Erinnerungen von Menschen aus den genannten Stadtteilen, für die die Hungerburgbahn zum alltäglichen Leben gehörte – AnwohnerIn, Angestellte, einstige Schulkinder. Das Material dafür sammeln wir in Dokumentationen rund um die Bahn, Zeitungsartikeln, alten Ansichtskarten und vor allem in Gesprächen mit Menschen verschiedener Generationen aus der unmittelbaren Nachbarschaft.

Szenisch, tänzerisch und performativ setzen wir das Textmaterial dann mit Studenten der Schauspielschule Innsbruck um, mit denen wir im Rahmen eines Studienprojektes arbeiten werden. Als Darsteller werden auch einige Laienschauspieler älterer Generationen hinzukommen. Das Publikum, das einer fiktiven Geschichte folgend durch das ganze Gebäude samt Keller und Wohnung im ersten Stock geführt wird, soll sich selbst erinnern: An diesen besonderen Ort von nicht immer freiwilliger Zusammenkunft, an den einst mit Anderen – Fremden, FreundInnen und NachbarInnen – geteilten Alltag.

Ausführliche Projektbeschreibung zum Download

* Für diese Form von Postmodernem Theater hat sich leider bis heute keine deutsche Bezeichnung durchgesetzt (wörtlich: Ortsspezifisches Theater). Anstatt einen klassischen Theaterraum zu bespielen wird ein theaterferner Ort als Aufführungsraum gewählt. Spezifisch für eine „Promenade Performance“ ist, dass das Publikum sich entweder frei durch die Räume bewegen kann oder aber durch die Räumlichkeiten geführt wird. Die klassische Beziehung zwischen einem zumeist sitzenden Zuschauer und dem auf der Bühne agierendem Schauspieler wird dadurch aufgehoben.
Ein Fundbüro der Erinnerungen. Foto: Roland Grand
Ein Fundbüro der Erinnerungen. Foto: Roland Grand
Ein Fundbüro der Erinnerungen. Foto: Roland Grand
Durchführung

ereits über ein Jahr vor der Premiere am 25.4.2013, also Anfang 2012, hat unsere Konzeptionsarbeit im Leitungsteam begonnen. Im Laufe des Jahres hat sich die bloße Idee eines Theaterstückes in der Talstation zu einem konkreten Konzept entwickelt, so dass wir nach einer ersten Begehung des Gebäudes im August 2012 im die Herbst Anträge für die finanzielle Unterstützung stellen konnten (Land Tirol/ Tki Open 2013, Stadt Innsbruck/Stadtpotenziale 2013 und BMUKK/ Sektion 7).

Parallel dazu haben wir bereits in unterschiedlichen Konstellationen zweimal eine viertägige Recherchereise nach Innsbruck unternommen. Über Lisa Überbachers Familie und Freunde in der Stadt konnten wir erste Interviews führen. Schnell hat sich der Kreis über Mundpropaganda erweitert und wir konnten weitere Gesprächspartner für uns gewinnen, u. a. den Stammtisch des Innsbrucker Sozialdienstes, den Stammtisch Hungerburg, die Familie Pedarnig und Herrn Hupfauf. Im Stadtarchiv und im Ferdinandeum konnten wir eine sehr ergiebige Materialrecherche betreiben, um Inspiration sowohl für die szenische Umsetzung als auch für das noch zu schreibende Stück zu bekommen. Während der Begehung im Oktober (während den Recherchetagen des Regieteams vor Ort) haben wir auch den Titel für das Stück gefunden- an der Eingangstür/ehemaligen Ticketkontrolle zur Bahn: „Letzte Talfahrt/Last Descent“.

Um Weihnachten herum folgte dann die konkrete Vorbereitung für das im Januar stattfindende erste Treffen mit den SchauspielstudentInnen. Mit der Schauspielschule Innsbruck, Frank Roeder und Lore Mühlburger, waren wir seit dem Sommer in regem Kontakt und sind nach wie vor sehr dankbar für die sofortige große Kooperationsbereitschaft, die uns die praktische Realisierung des Projekts erst ermöglicht hat.
Ein Fundbüro der Erinnerungen. Foto: Roland Grand
Ein Fundbüro der Erinnerungen. Foto: Roland Grand
Ein Fundbüro der Erinnerungen. Foto: Roland Grand
Im Januar konnten wir innerhalb von zwei Wochen zweimal drei Tage mit den StudentInnen in der Schauspielschule arbeiten. Neben einer ersten Annäherung an das allgemeine Thema „Erinnerungen“ haben wir uns mit ersten Improvisationen körperlich und auch sprachlich den konkreten Erinnerungen an die Hungerburgbahn genähert. Diese vorbereitenden Treffen war für uns als Leitungsteam von hoher Relevanz, da wir anhand der resultierenden Materialien verstärkt an der Stückentwicklung arbeiten konnten. Außerdem hat uns die Pause zwischen den beiden Zusammentreffen die sehr nützliche Möglichkeit gegeben nach einem ersten Kennenlernen sehr konkret auf die StudentInnen einzugehen. So waren die zwei Wochen sehr produktiv und haben die Basis gelegt für die nächsten zwei Monate, in denen wir verstärkt zwischen Hamburg, Berlin, Innsbruck und Nürnberg kommuniziert haben. Ein Großteil des Teams war zu der Zeit noch in andere Produktionen involviert. Die Zeit war also begrenzt, dennoch ist es anhand grandioser Erfindungen wir Skype und Dropbox gelungen, große Schritte in Richtung Ziellinie zu machen.

In der Woche vor Ostern hatten wir dann noch einmal das Glück, alle vor Ort in Innsbruck sein zu können. An Ostern konnten wir eine erste Probentextfassung, eine Reihe von erfolgreichen Castings, eine ganze Riege an AssistentInnen, die unabdingbar werden sollten für die weitere Umsetzung und einen Probenplan vorweisen. Und am Dienstag nach Ostern konnte es nach einer kurzen Ruhe vor dem Sturm endlich losgehen. Die nun folgenden zweieinhalb Wochen Probenzeit waren sehr knapp bemessen: Ferien der Schauspielschule und anderweitige Verpflichtungen ab Anfang Mai seitens einiger Teammitglieder haben es uns unmöglich gemacht, länger zu proben. Umso wichtiger war es für ein Gelingen, im Vorfeld bereits so viel wie möglich zu organisieren und zu klären. Unsere gründliche Planung hat uns das eine oder andere Mal aus kleinen Zeitkrisen während der Probenzeit gerettet, denn die Koordinierung von neun StudentInnen, vier SchauspielerInnen und einer Schar von StatistInnen waren eine Herausforderung.

Geprobt haben wir zu Beginn in den Räumlichkeiten der Schauspielschule Innsbruck in der Heiliggeiststraße. Sobald es technisch möglich war jedoch auch in der Talstation, da es für uns und vor allem für die Spieler von zentraler Bedeutung war, den Originalort schnellstmöglich kennen zu lernen, um ihn in das Spiel mit einzubeziehen. Denn um den Ort ging es ja schließlich. Ebenso wichtig waren die Durchlaufproben, die wir mit Publikum machen konnten. 84 Interessierte waren an mehreren Tagen unser Testpublikum und haben uns die Möglichkeit einer kontinuierlichen Verbesserung gegeben, so dass am Premierentag (fast) alle organisatorischen und technischen Unvorhersehbarkeiten aus dem Weg geräumt waren.
Ein Fundbüro der Erinnerungen. Foto: Roland Grand
Ein Fundbüro der Erinnerungen. Foto: Roland Grand
Evaluierung und Ausblick

Wir als Leitungsteam schauen nun zufrieden zurück, haben wir doch all unsere Ziele erreicht. Es war dies unsere erste Zusammenarbeit und wir planen bereits, mit den bei diesem Projekt gesammelten Erfahrungen, weitere gemeinsame Projekte. Unser Ziel ist es weiter Ortsspezifisches Theater in alten ehemals öffentlichen Gebäuden (alte Postgebäude, Krankenhäuser, Schwimmbäder, Fabriken etc.) zu machen. Hierfür suchen wir bereits neue Gebäude mit für uns neuen, interessanten Geschichten, Erinnerungen und Anekdoten im In- und Ausland.

Für ein kommendes Projekt wäre es wieder sehr von Vorteil wenn eines unserer Mitglieder mit dem Ort des Geschehens verwurzelt ist. Die Kontakte sowie Vernetzungen von Lisa Überbacher waren bei dieser Produktion unentbehrlich. Einerseits bei den Recherchearbeiten im Vorfeld, anderseits bei der Umsetzung, an der maßgeblich viele Freunde und die Familie beteiligt war. Ein Umstand, den man nicht unterschätzen darf, wurden doch so verbilligte Unterkünfte für das Team möglich und sonstige Vorteile genützt.

Auch würden wir mehr Recherchezeit einplanen, da uns das Bewältigen des Recherchematerials mehr Zeit als gedacht abgenötigt hat. Die Idee mit professionellen Spielern, sowie Laien zu arbeiten würden wir gerne beibehalten, da es eine sehr inspirierende Mischung für alle war. Auch der Input und die Verfügbarkeit der Schauspielschüler waren sehr wertvoll.

Kooperationen mit anderen Ausbildungsstätten sind daher erwünscht. Allerdings wäre es künftig unser Bestreben sowohl den Schülern, als auch den Laien mehr als nur ein „Danke“ sowie Verpflegung und „eine neue Erfahrung“ anbieten zu können. Sowohl für sie als auch für die Assistenten sollte beim nächsten Mal eine kleine finanzielle Entschädigung möglich sein. Auf Grund der Tatsache, dass das Team sich dazu entschied (auf Grund der verkürzten Zeit) mit vier anstatt mit zwei ausgebildeten Schauspielern/Tänzern zu arbeiten, musste auch hier leider umgeschichtet werden und waren wir auf das Wohlwollen und freiwillige Engagement der Laien und Assistenten angewiesen.

Bei einer Folgeproduktion sollte außerdem an einen Spezialisten für PR gedacht werden. Obwohl wir zwar nach besten Wissen und Gewissen Presseaussendungen gemacht haben und den Kontakt mit den Medien gesucht haben, war diese doch zu zeitaufwendig, um neben einer Endphase ausgezeichnet bewerkstelligt zu werden. Um das Folgeprojekt noch länger spielen und so mehr Vorstellungen ansetzen zu können, um daraus mehr Eigeneinnahmen zu lukrieren, benötigt es eine noch bessere Öffentlichkeitsarbeit. (So wurden in zwei Zeitungen falsche Daten angeführt, was der Sache nicht dienlich war; ein Fehler, den wir neben unserer Arbeit nicht mehr beheben konnten.)

Das Gebäude der alten Hungerburgbahntalstation steht nun wieder leer. Ideen für weitere temporäre Nachnutzungen (Lesungen etc.) sind wohl im Gespräch. Für einem Abriss/Neubau oder Umbau sind im Moment noch keine konkreten Pläne vorhanden.

Ausführliche Dokumentation zum Download


Berichte über das Theaterstück Letzte Talfahrt/Last Descent – Ein Fundbüro der Erinnerungen“ in der Tiroler Tageszeitung, auf provInnsbruck und im Franzmagazine

Im September 2014 verwirklichte die Zeitgeist Gruppe das von den stadt_potenzialen 2014 geförderte Projekt Die Dinge.