stadt_potenziale

weiß, weiß, edelweiß – Rauminstallationen gegen eine monokulturelle Langeweile

ein Projekt von Quirlig. Verein für künstlerische Interventionen in Alltags- und Festkultur
stadt_potenziale 2009, Fördersumme: € 3.700,–, Durchführung 06–10/2009
weiss, weiss, edelweiss, Stationen. Grafik: Quirlig, Elfi Oblasser
weiss, weiss, edelweiss. Foto: Quirlig, Elfi Oblasser
weiss, weiss, edelweiss. Foto: Quirlig, Elfi Oblasser
weiss, weiss, edelweiss. Foto: Quirlig, Elfi Oblasser
weiss, weiss, edelweiss. Foto: Quirlig, Elfi Oblasser
weiss, weiss, edelweiss. Foto: Quirlig, Elfi Oblasser
Projektbeschreibung

Innsbruck ist eine glänzende Stadt. In Innsbruck herrscht Sauberkeit und Ordnung. In Innsbruck ist alles am rechten Ort. In Innsbruck ist alles gut. Bleibt die Frage: Was ist hinter der Oberfläche?
Dieses Projekt macht sich auf die Suche nach den Bildern dahinter: der Unordnung, dem Unreguliertem, Ungeregeltem, der Vielfalt und Differenz. Diese werden von feministsich-queer denkenden und handelnden Künstlerinnen im Umfeld des Vereins quirlig wie des Autonomen FrauenLesbenzentrums in Szene gesetzt. So entstehen Bilder von Öffentlichkeiten, die im Zuge der Umstrukturierung der Stadt “geschliffen” wurden, Bilder der Auswirkung(en) dieses Prozesses auf Lebensgefühle, Identitäten und Lebensentwürfe.

Mit diesem Projekt wird die Präsenz des Anderen im öffentlichen Raum temporär inszeniert. In fünf Installationen wird ein Gegenentwurf zu Langeweile von shopping-malls und Flaniermeile entwickelt. Die Installationen sind miteinander durch Plastiskope, erinnernd an Städtesouvenire, verbunden und werden an fünf verschiedenen Orten in Innsbruck über ein Monat zu sehen sein.

Künstlerinnen und Orte

Beteiligte Künstlerinnen:Ausgewählte Orte:Am 02. Oktober 2009 führte die Edelweißtour zu den einzelnen Stationen:

Station Bruneckerstraße

Im Herzen In der „first class“-Pissecke von Innsbruck – in Bahnhofsnähe beim früheren Bahnhofspostamt in der Bruneckerstraße – wächst Gras, eigentlich ist es Fußballrasen. Das Postamt st seit einigen Jahren geschlossen. Das Gebäude steht leer, wird nicht genutzt. dieser Platz in der Nische ist ein idealer Ort für „das kleine Geschäft (für Männer)“ im städtischen Raum. Ein Ort für Menschen, die in prekären Verhältnissen leben müssen. Im Tourismusland Tirol, das von seinen Vermarktern so gerne das „Herz der Alpen“ genannt wird.

Die Installation von Elfriede Oblasser besteht aus einem zwölf Quadratmeter großen Rasen, auf dem ein Stuhl platziert ist. Kein bequemer Sessel, der zum Niedersetzen einlädt. Er ist aus Eisen. Die Sitzfläche ist gespickt mit spitzen Metallstiften, wie sie auch als Taubenabwehr verwendet werden. Dahinter leuchten die Berge, plätschert ein Bächlein. Bäume, Sonne, klare Sicht, gute Luft – und alles was die Alpen versprechen ... Dieses Alpenidyll wird von einem Jägerzaun begrenzt – ein Hinweis auf die Begrenzung und Enge. In der Mitte der idyllischen Alpenszenerie steht in roten Lettern geschrieben: IM HERZEN.

Elfriede Oblasser stellt mit dieser Intervention im öffentlichen Raum dar, wie klar die Grenzen im Herz der Alpen, in Innsbruck/Tirol gezogen sind. Verschneite Berge ziehen Menschen an, allerdings sind nur zahlungskräftige Touristen für ein bis zwei Wochen willkommen. Menschen, die aus politischen oder gar ökonomischen Gründen nach Tirol ins Herz der Alpen auswandern müssen, sind nicht willkommen, und werden mit allen Mitteln, nahezu wie Schädlinge vertrieben. Dieser harte Kontrast zwischen Rasen und Eisen, zwischen Bergidylle und Abwehr ist in dieser Installation sehr spürbar.

Station Sillpark

An der zweiten Station unseres Projekts von Rauminstallationen gegen die monokulturelle Langeweile haben wir mit dem Bedeutungsträger „Bautafel“ gearbeitet. Bautafeln sind ein weit verbreitetes Gestaltungselement unserer Stadt. Sie stehen überall und weisen darauf hin, dass trotz Finanzkrise und Einsparungen im wohlfahrtsstaatlichen Sektor, Wachstum in diesem kapitalintensiven Bereich möglich und erwünscht ist.

Wir haben unsere Bautafel: Edelweiß baut hier für Sie extra an einem Unort aufgestellt. In diesem Rasenstreifen zwischen Shoppingmall Sillpark und der Straße sind ca. 20 Quadratmeter Baufläche frei, und es erscheint unmöglich, ein so riesiges Bauprojekt wie auf der Bautafel beworben hier aufzustellen. Aus den Rückmeldungen der PassantInnen, die sich zwar empört und ungläubig äußerten das Projekt aber dennoch für machbar hielten, haben wir erkannt, dass sich die Innsbrucker Bevölkerung schon damit abgefunden hat, dass immer und überall, auch an den unmöglichsten Orten, gebaut wird.

Auf der Ebene der graphischen Darstellung wollten wir die Normalitätszuschreibungen, an welche die Bilder auf genannten Bau- tafeln hinweisen, in Frage stellen. Immobilien werden immer noch, das verheißen die Bautafeln, für die traditionelle inländische Kleinfamilie gebaut. Andere alternative Beziehungsrealitäten werden damit ausgeschlossen. Edelweiß baut hier für Sie wendet sich in der Darstellung direkt an lesbische Frauen. Wir wollten damit aussagen, dass ein Projekt, welches sich an Randgruppen unserer Gesellschaft wendet, weil es eben an einem nicht-bebaubarem Ort gebaut werden sollte nie gebaut werden wird. Die meisten BetrachterInnen haben das dargestellte lesbische Paar nicht als lesbisches Paar ausgemacht. Die heteronormative Matrix ist in unserer Gesellschaft so stark verankert, dass Frauenpaare, auch wenn sie dargestellt werden der Unsichtbarkeit anheim fallen bzw. unter die dominierende Norm subsumiert werden. Lesben kommen nicht nur im Wohnbau nicht vor, sondern auch in keinem öffentlichen Diskurs.

Station Kochstraße

Eine fast zwei Meter hohe Nische, Ecke Kochstraße – Kaiserjägerstraße an einer Villa im grünen Stadtteil Saggen. Die Nische steht leer, wird von den HausbewohnerInnen nicht gestaltet. Sie könnte einer griechischen Philosophin oder einer anderen Figur aus Stein durchaus Obdach bieten. Tut sie aber nicht. Nicht einmal eine Heiligenstatue bewohnt diesen Ort.

Herlinde Unterberger hat diese leere Nische entdeckt und als „Grenzgebiet“ zwischen dem Innen- und dem Außenraum gestaltet. Die Nische als Spiegel der städtischen Seele. Die Rundung ist mit einer Spiegelfolie ausgekleidet. Die Folie spiegelt die vorbeifahrenden Autos, RadfahrerInnen, PassantInnen, Busse des öffentlichen Verkehrs, auch die mit neugierigen TouristInnen vorbeifahrenden Busse aus aller Welt spiegeln sich. Die Nische befindet sich an der Schnittstelle zwischen dem öffentlichen Raum und dem Privaten, dem Innenraum des Hauses. „Nicher“ bedeutet im französischen Nest bauen.

Vor dieser Folie schwebt ein geschmiedetes Auge. Die Sicht nach innen – und auch der Blick nach außen werden durch dieses Au- ge mit einem großem Augapfel dargestellt. Am Nischengrund ist ein kleiner Garten an- gelegt. Anfänglich ist nur die Erde zu sehen. Am Gartenzaun der Villa hängt eine kleine, gelbe Gießkanne mit der Aufforderung „bitte gießen“. Dieser Aufforderung sind PassantInnen, aber auch wir regelmäßig genug nachgekommen – so entstand bis zum Ende der Ausstellung ein dichter Rasen.

Station Hallerstraße

Die drei grünen Ameisen an der Hallerstraße waren die verspielte Spaßkomponente unseres Projekts. Bei einem unserer Gruppentreffen kamen wir auf die Idee der Ameisen, wussten aber nicht genau wie sich diese Idee theoretisch ins Projekt integrieren ließe, was uns aber nicht davon abhielt sie trotzdem zu bauen. Die Interpretationen zu dieser Station kamen erst im Nachhinein, was ja postmodern völlig in Ordnung ist.

Jetzt erleben wir unsere Ameisen als Schnittstelle zwischen Ländlichem, Prä-Städtischem und Urbanem. Die Ameisen sind Teil des Ländlichen, welcher als nicht so stark kapitalintensiver Bereich der Ökonomisierung weichen muss. Sie krabbeln aber in Richtung Stadt und wollen sich ihren Raum wieder zurückholen. Die Ameisen symbolisieren eine Widerständigkeit gegen die fortschreitende Ausrichtung nach Profitmaximierung aller Lebensbereiche. Entstanden sind die Ameisen teils im Autonomen FrauenLesbenzentrum und teils in der Weyrerwerkstatt, beides sind Orte, die sich einigermaßen der vollständigen Durchkapitalisierung verwehrt haben. Daher sind unsere Ameisen auch eine Schnittstelle von gegenkulturellen Milieus, die versuchen den Gesetzmäßigkeiten des totalen Konsumismus ansatzweise zu widerstehen.

Station Greiterpromenade

Die Künstlerin der Installation an der Greiter Promenade ist Gerti Eder. Sie hält seit Jahren Veränderungen und Impressionen von Innsbruck fotographisch fest.

Die Fotos wurden auf LKW Planen gedruckt und bilden den Landhausplatz ab, der von einzelnen Personen überquert wird. So entstand ein 20 Meter langer Streifen von aneinander gereihten Mustern aus Beton, Asphalt und Stein, der mit einer Packschnur an vier Bäumen aufgespannt ist. Die Installation schafft temporär einen abgeschlossenen Ort in einem etwas abseits gelegenen Park. Der Landhausplatz steht für jeden beliebigen Platz, ist Symbol für Orte der Macht.

Am Eingang der Installation findet sich eine in Nylon gepackte Couch mit einem händisch angebrachten Schriftzug „entspannen sie sich – wir behalten sie im Auge/ detendez-vous – nous gardons un oeil sur vous“. PassantInnen werden eingeladen sich an dem Ort niederzulassen, zu verweilen. Gleichzeitig wird auf einen ständig präsenten Überwachungsblick hingewiesen.

Radiobeitrag über weiß, weiß, edelweiß auf FREIRAD 105.9 (im Rahmen von Raumnahme)
Projektdokumentation als PDF zum Download: Teil 1, Teil 2, Teil 3