stadt_potenziale

The revolution is over and we have won

ein Projekt von DJs aus Mitleid und Christoph Hinterhuber
stadt_potenziale 2009, Fördersumme: € 6.000,–, Durchführung: 2009–

Projektbeschreibung

The revolution is over and we have won
diskursive und intensive Räume in elektronischen Subkulturen

Benzinmotoren und Radium allein schützen
Gegen Übelkeit vor dem Leben
Eine Lichtreklame erschüttert mehr
als der Mond
Ein Pianola im Vorstadtcafe
Löst tiefer meine Verzweiflung
Als alle Nachtigallen
Die Hochbahn berauscht mehr
Als ein gotischer Dom
Wir beten in Kinos
Die kurbelnde Schicksalsgöttin an
In allen Expresszügen
Sitzt unsere Sehnsucht
Das Herz funktioniert elektrisch
Das rote Signal ...
O kosmisches Gefühl der Schnelligkeit
Du mein Jahrhundert!
Elektrisch betriebenes,
Rennfahrer gegen die Sonne
Scheinwerfer gegen die Sterne,
ich bin dein!

Claire Goll, 1922

Einführung

DISKURSIV

Diskursiv ist das Benennen von Bezugspunkten zu diversen Historien, das Suchen nach Parallelitäten in Methodik und Motivation. Fragen von Form und Struktur verbunden mit einer zukunftsorientierten Selbstvergewisserung und Selbstpositionierung. Gründerzeit. Der Vergleich macht Sie sicher.

INTENSIV

Intensiv ist das kleine Moment der Unsterblichkeit im ewigen Augenblick, absorbiert im sozialen Plasma, re-dekodiert im Intensiven Raum: Experiment, Wissenstransfer und Politik gegen Realität.

FUTURISMUS UND ANTIKENSEHNSUCHT

Techno ist eine offene Form, in der widersprüchliche Tendenzen zu einem Spannungsfeld voller Unschärfen und Kippeffekten interferieren. Polaritäten pop up like mushrooms in a toilet. Ein wesentliches Interesse unseres Unterfangens: Dieses Changieren zwischen einer subkulturellen Praxis, die sich an der temporären Einlösung einer Utopie abarbeitet, die im Kern ahistorisch ist einerseits, und der Sehnsucht nach kulturhistorischer Verortung, die sich als ein Sich-Messen an klassischen Formaten äussert andererseits. Die Struktur der Projektreihe mit ihren Doppelveranstaltungen reflektiert diese Polaritäten.

MENSCH MASCHINE

Die Strukturierung des menschlichen Alltages durch Maschinen ist ein seit Beginn der Industrialisierung zu beobachtendes Phänomen. Es gibt wohl wenige Kunstformen, welche die so genannte Künstlichkeit, die Maschinisierung und die Medialisierung radikaler zum Ausdruck bringen als die vielen Spielarten des Techno. Techno steht an der Grenze des Menschlich-Sozialen zum Maschinellen. Die Grenze zwischen Mensch und Maschine wird im Techno ständig neu verhandelt.

Eine der großen Leistungen des italienischen Futurismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist sicherlich die Ästhetisierung der Maschinenwelt gewesen. Luigi Russolo forderte in seinem 1913 erschienen Text «Die Geräuschkunst» das Musizieren um den Einsatz von Geräuschen im Allgemeinen und Maschinengeräuschen im speziellen auszudehnen. Die Maschine wurde von den Futuristen aus der Fabrikhalle herausgeholt. Sie war nicht mehr an die Sphäre der Arbeit gebunden, sondern wurde zu einem Instrument, mit welchem eine seit der Industrialisierung zeitgenössische und alltägliche Ästhetik ausgedrückt werden konnte.

DISLOKATION UND REORIENTIERUNG

Technokulturen etablieren sich als hybride Kulturen: Sie konstituieren sich in einem Zwischenraum von Lokalem, Regionalem und Globalem: Popkulturelle Stile werden an lokalen Orten entwickelt, als kulturindustrielle Ware global verbreitet, an verschiedenen Orten der Welt angeeignet und gehen als lokale Stile wieder in der globale Produktion ein. Desubjektivierung, Dematerialisierung, Deterritorialisierung sind ihre Kennzeichen. Dennoch gibt es eindeutig verfestigte und nachvollziehbare Strömungen, Terrainabgrenzungen, Kunsträume. Im Projekt soll diese Spannungsvielfalt der Technokulturen und ihr Bezug zur bürgerlichen Leitkultur dokumentierbar und sichtbar gemacht werden.

MODERNE RELOADED

Subkulturelle Praxis verdichtet in einem modernistischen Moment par Excellence zur Auf- und Einlösung eines Wesenszugs der Moderne, nämlich des emanzipatorischen Versprechens: Die Aufhebung des historischen Prozesses im revolutionären Augenblick, im singulären Moment reiner Gegenwärtigkeit. Temporäre autonome Zone. Oder: Transgression, Autonomie, Praxis, Demokratie.

EMANZIPATION UND ERLÖSUNG

Dieser singuläre Augenblick reiner Gegenwärtigkeit besitzt ein Moment der Erlösung: Erlösung durch Emanzipation von Zeit. Dafür verantwortlich ist ein ästhetischer Prozess, der Implosionen immer kleinerer, sich permanent prozessierender und evolutiv überschreibender Zeiteinheiten auslöst. Das Unendliche dazwischen. Als Einschub, Falte, Parallelität. Schreibt sich ganz direkt persönlich körperlich psychologisch fest: Identität wird flüssig, Urlaub vom Ich, Bildung durch Variation.

TEMPORÄRE AUTONOME ZONEN

Der Club funktioniert somit im besten Fall als Maschine zur Produktion neuer Formen des Künstlerischen, der Wissensproduktion und der sozialen Zusammenkunft: The temporary autonomous zone appears not just as an historical moment, but also as a psychospiritual state or even existencial condition. Humans seem to need the peak experience of autonomy shared by cohesive groups not only in imagination, but in real space/time in order to give value to the meaning of the social and artistical.
Hakim Bey, The temporary autonomous zone, New York 2003

SPRACHE DER FORM

In diesen Momenten reiner Gegenwärtigkeit fallen Diskursiv und Intensiv ineinander und die Potentialität der Augenblicke wird zur eigentlichen Sprache:

Eine Sprache der Form, die die Körper durch Intensität, Dichte und Struktur prozessiert, Denkprozesse affiziert und schliesslich alles miteinander zu einer Art temporären sozialen Plasma remixt. Futurismus trifft auf Antikensehnsucht und im besten Fall geht nach einer Nacht im Club ein anderer Körper nach Hause.

>Der Versuch, diese Sprache der Form anhand ihrer Eckpfeiler zu umreissen, ist ein zentrales Anliegen unseres Unterfangens und soll nach Abschluss der Serie in einer Publikation (Buch plus Web) festgehalten werden.

SZENE UND ARCHIV

Die Inszenierung im intensiven Raum erzeugt defragmentiert das soziale Ich und führt zu seiner Auflösung im sozialen Plasma. Es wird etwas erzeugt, das denkt, aber kein Mensch ist (Dietmar Dath). Vor der Archivierung des Erlebten, dem Entnehmen des Feedbacks steht die Bewegung im intensiven Raum.

Ohne Orientierung durch Richtlinien für die Erzeugung von Bedeutung entstehen neue Worte und Sätze für Techno, aber noch keine diskursiven Räume und Felder. Diese müssen erst angelegt, bewässert, gehegt und gepflegt werden.

Zusammenführung

Geplant sind vier Doppelveranstaltungen, die die obengenannten Polaritäten sichtbar machen und nachvollziehbar für das Publikum zusammenführen.

Wir stellen den diskursiven Raum dem intensiven Raum gegenüber.

Den ersten Tag der Doppelveranstaltung bildet die Aufstellung des diskursiven Raumes in Form von Konzerten, die Bezugspunkte zu diversen Historien benennen und nach Parallelitäten in Methodik und Motivation suchen.

Dazu werden themenspezifisch Ausstellungen, Filmvorführungen, Diskussionen und Autorenlesungen veranstaltet. Diese im Zusammenhang mit Technokulturen ungewöhnliche Form des frei zugänglichen diskursiven Raumes soll in Innsbruck den freien Zugang zur kulturhistorischen Umgebung des intensiven Raums im öffentlichen Raum ermöglichen.

Der intensive Raum am zweiten Tag der jeweiligen Doppelveranstaltung begibt sich auf die Suche nach der Temporären Autonomen Zone und nach der temporären Einlösung eines kulturellen Utopieversprechens.

Die eingeladenen Künstler repräsentieren die Eckpfeiler und auch die Höhepunkte der globalen Technokultur. Wenn diese Persönlichkeiten in Innsbruck auftreten, ist das vergleichbar mit der spektakulären, ersten Österreich-Personale von Gilbert & George in der Galerie im Taxispalais 1979.

Ermöglicht werden solche Gastspiele durch unsere inzwischen jahrzehntelange Erfahrung und internationale Vernetzung, sowie durch verschiedene Vorläuferprojekte in Tirol an der Schnittstelle Medienkunst und elektronische Musik.

So wird etwa Jeff Mills für den diskursiven Raum seine Vertonung von Fritz Langs Metropolis in einem Innsbrucker Kino präsentieren. Im intensiven Raum zeigt er, weshalb er unbestritten der Godfather des Detroit-Techno ist.

Quiet Village präsentieren für den diskursiven Raum ihren Rückgriff auf balearische Utopien als audiovisuelle Erlebniseinheit. Im intensiven Raum zeigt ihr State of the Art Technoprojekt Radio Slave warum Leute wie Prince, Kylie Minogue, Pet Shop Boys oder Gorillaz um Remixe anklopfen.

Carl Craig und Moritz von Oswald werden ihr inzwischen bei der Deutsche Grammophon erschienenes Reworkprojekt der Werke von Maurice Ravel und Modest Mussorgksy erstmals ausserhalb von Deutschland aufführen. Im intensiven Raum erleben wir den Gründer des Dubtechno und Vorreiter des Berlin Style Techno in einem Doppelliveauftritt mit Amerikas führendem Produzenten von technoidem Futurejazz.

Bei den Gebrüdern Voigt wird der diskursive Raum mit einer Ausstellung der eigens für das Projekt Gas angefertigten Bilder von Wolfgang Voigt eröffnet. Die Finissage dieser Ausstelllung ist eine Livevorführung des Gasprojekts in einer eigens für das Projekt angefertigten visuellen Umgebung. Im intensiven Raum bescheren uns die Gebrüder Voigt einen Einblick in die Besonderheiten der techno art cologne.

Die Veranstaltungen haben nicht nur die Aufgabe, Öffentlichkeit für die neuesten Entwicklungen innerhalb dieser jungen Kunstform im Raum Tirol zu schaffen, sondern auch besonders durch die Einbindung von Residents in das Rahmenprogramm und in die Dokumentation, Motivation und Vernetzungsmöglichkeiten für die an der Entwicklung und Produktion dieser Kunstformen interessierten regionalen Künstler zu ermöglichen. Projekte wie unseres erzeugen in der Regel regionale Nachfolgeprojekte, verstärkte Szenebildungen und Selbstbewusstsein für die eigene Arbeit.